Trauer um Theresia Haidlmayr

(von Fritz Gardavsky)

Theresia Haidlmayr, eine der Pionierinnen im Kampf um Behindertenrechte, ist im Alter von 66 Jahren verstorben. Aus diesem Anlass drucken wir hier einen Teil des persönlichen Gespräches zwischen Theresia Haidlmayr und unserem langjährigen Obmann Manfred Schweizer ab, das im Sommer 1996 in der Verbandszeitschrift “Rollstuhl aktiv”, Ausgabe 129, erschien.

Theresia Haidlmayr, September 1955 -Juni 2022

Manfred Schweizer: Du bist von Geburt an behindert und in Haidershofen, einer schönen ländlichen Gegend Österreichs, aufgewachsen. Die Infrastrukturen für Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen waren damals jedoch sicherlich kaum gegeben.

NR Theresia Haidlmayr: Das ist richtig. Meine Eltern waren Bauern und zu Hause gab es fünf Kinder, wobei meine um zwei Jahre jüngere Schwester ebenfalls von Geburt an behindert ist. Die Eltern versuchten mit ungeheurem Aufwand, das Beste für uns zu erreichen, aber schon im Kindergarten und später in der Volksschule waren die Grenzen unüberwindlich. Trotz allgemeiner Schulpflicht konnten wir die Volksschule zu Hause nicht besuchen! Erst als ich 9 Jahre alt war, haben wir zwei Plätze in der Waldschule in Niederösterreich (damals eine Eliteschule unter den Sonderschulen) bekommen. Wenn wir schon von zu Hause weg mussten, so sollten wir zwei Mädchen zumindest gemeinsam in ein Internat kommen – ein wenig wurde ich auch Mutterersatz für meine jüngere Schwester. Von der Waldschule kam ich dann in die “Hochheimgasse“ nach Wien (von 1971 bis 1974), von wo aus ich die Bundesfach- und Handelsschule in Wien V besuchen konnte.

M.S.: Diese Jahre waren sicherlich ein prägender Überlebenskampf.

NR T.H.: Das kannst Du doppelt unterstreichen! Man kann sich ja gar nicht vorstellen, was diese Aussonderung und die baulichen Beschränkungen in der persönlichen Entwicklung für unangenehme Spuren hinterlassen haben. Jetzt ist man ohnehin schon behindert und dann werden einem auch noch alle Kontaktmöglichkeiten verwehrt oder erst gar nicht eröffnet.

M.S.: Dein heutiger Kampf um Integration ist sicherlich aus Deiner Geschichte heraus zu verstehen.

NR T.H.: Ja, von frühester Jugend an musste ich mir Dinge erarbeiten, die für nichtbehinderte Kinder selbstverständlich sind. Ich hatte das Glück, mit 19 Jahren den Klauen der Aussonderung zu entkommen. Das heisst aber nicht, dass es nicht heute nach wie vor unendlich viele Aussonderungsmaßnahmen (Diskriminierungen) gibt, die die Integration verhindern bzw. unmöglich machen. Zu meiner Schulzeit bestand z.B. kein Rechtsanspruch auf Regelschule. Heute gibt es zwar das Recht auf Regelschule für behinderte Kinder, trotzdem ist es für die Eltern und deren Kinder ein meist erfolgloser Kampf, diesen Rechtsanspruch auch wahrnehmen zu können.

Schon vor vielen Jahren habe ich mit Gleichgesinnten und Betroffenen im Verein “Miteinander“ versucht, auf die Behindertengesetzgebung in Oberösterreich Einfluss zu nehmen. Unser erster Erfolg war dann die Novelle zum OÖ Behindertengesetz. Die Betroffenen waren dabei zum ersten Mal Mitwirkende. Meine/unsere Überlebensfragen in vielen Bereichen führten zum politischen Engagement. Wo und wann immer etwas aufgefallen war, habe ich versucht, es zu ändern.

M.S.: Deine Behinderung wird von Dir selbst voll akzeptiert?

NR T.H.: Eine Behinderung haben und auch dazu stehen, sind zwei Dinge. Ich stehe dazu und kann aus meiner Erfahrung die Behindertenanliegen glaubwürdig vertreten. Es waren übrigens die Grünen, die, als sie 1986 ins Parlament einzogen, einen Behinderten (Manfred Srb) als erste aller politischen Parteien Österreichs zum Abgeordneten machten. Bis heute bin ich die einzige Betroffene, die die Anliegen der Behinderten im Parlament vertritt.

M.S.: Liebe Theresia, ich danke für dieses interessante Gespräch, Deine Offenheit in der Darlegung persönlicher und auch allgemeiner Probleme und darf Dir noch viel Erfolg im österreichischen Parlament wünschen.

Wir werden Theresia Haidlmayr immer ein ehrendes Andenken bewahren.
R.I.P.

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